Geschichte des Museums

Das Tuol Sleng Genocide Museum ist die Gedenkstätte des früheren „Security Office 21“ (S-21) von „Democratic Kampuchea“, der Staatsbezeichnung in der Herrschaftszeit der Roten Khmer. Das Gefängnis lag in der Mitte der verlassenen Hauptstadt Phnom Penh, deren BürgerInnen am 17. April 1975 von den Roten Khmer zwangsevakuiert wurden.

S-21 diente als der zentrale Ort eines landesweiten Verhör- und Inhaftierungssystems und wurde unter strikter Geheimhaltung zur Inhaftierung, Folter und Befragung sowie anschließender Hinrichtung der „politische Feinde“ benutzt. Aufgrund einer Praxis von Sippenhaft wurden auch ganze Familien inhaftiert.
Nur sehr wenige Häftlinge wurden zwischen 1975 und 1979 aus dem Gefängnis entlassen. Die Öffnung von S-21, während der Befreiung Phnom Penhs, sollen nur 12 Insassen erlebt haben. Unter ihnen vier (Klein-)Kinder.

Wahrscheinlich arbeiteten 1.720 Rote Khmer Anhänger für und in S-21. Hunderte von ihnen waren ArbeiterInnen für die Nahrungsmittelversorgung. Die anderen sorgten für die alltäglichen Abläufe, die Verwaltung, die Bewachung oder arbeiteten in der Verhörabteilung.

The building

tuol-sleng-buildings

Eine Schule wird zum Folter-Gefängnis

Das Gefängnis S-21 wurde auf dem Gelände von zwei ehemaligen Schulen errichtet: der Tuol Sleng Grundschule und einer weiterführenden Schule gleichen Namens, auch bekannt als „Ponhea Yat High School“.

Die systematischen Folterungen und Verhöre in S-21 wurden in den zu Zellen und Verhörräumen umgebauten Klassenräumen durchgeführt. Das gesamte Areal war mit Hochspannungs-Stacheldraht umzäunt. Stacheldraht begrenzte auch die offenen Flure und weitere Gebäudeteile, wahrscheinlich um Insassen an ihrer Flucht oder an einem Sprung in den Freitod zu hindern.

Im Erdgeschoss des Gebäudes A war jeder Klassenraum in zwei Zellen unterteilt, um hochrangige Khmer-Rouge-Angehörige, die des Verrats verdächtigt wurden, festzuhalten und zu befragen. In den Gebäuden B, C und D wurde das Erdgeschoss von schmalen mit Ziegeln gemauerten Zellen (0,80 x 2,00 m) eingenommen. Einzelzellen mit hölzernen Zwischenwänden fanden sich auch im ersten Obergeschoss. Jede dieser kleinen Zellen diente zur Inhaftierung eines Gefangenen. Im zweiten Obergeschoss wurden die ehemaligen Klassenräume nicht in schmale Zellen unterteilt, sondern zur Masseninhaftierung von 40 bis 50 Häftlingen genutzt, die mit Fußfesseln an den Boden gekettet wurden. In einem dieser ehemaligen Klassenräume befand sich das Büro des Gefängnisdirektors Kaing Guek Eav (alias Duch) sowie das Dokumentationsbüro. Die umgebenden Häuser wurden für die Unterkunft des Gefängnispersonals und für weitere Inhaftierungen verwendet.

Zwischen 1975 und 1979 wurden zwischen 15.000 bis 20.000 Gefangene aus allen Teilen Kambodschas in S-21 inhaftiert, unter ihnen Angehörige der Roten Khmer, die als VerräterInnen galten.

Organisationsstruktur von S-21

Das geheime Gefängnis S-21 wurde vom Verteidigungsministerium geleitet, das unter der Kontrolle von Son Sen stand. Bevor Duch im Jahre 1976 die Leitung des Gefängnisses übernahm, wurde es zu Beginn und während des Umbaus von In Lun (alias Nath) beaufsichtigt. Weitere namentlich bekannte Anhänger der Roten Khmer sind Khim Vat (alias Hor) und Mom Nai (beide waren stellvertretende Gefängnisdirektoren) sowie Peng, der Hauptmann der Wärter, Suos Thy, Leiter der Verwaltungsabteilung und Hoeung Song Hour aka Pon, der Verhöre durchführte.

S-21 hatte mehrere Satelliten-Einrichtungen, unter anderem das frühere Kolonial-Gefängnis Prey Sar (S-24) im Dangkor Distrikt, Phnom Penh, das als ideologisches Umerziehungslager verwendet wurde, und Choeung Ek, eine weiträumige Hinrichtungsstätte, ca. 15 km außerhalb von Phnom Penh gelegen.

Regelungen und Vorschriften in S-21

Nach ihrer Ankunft in S-21 wurden alle neuen Häftlinge fotografiert und mussten erste Auskünfte über ihre angeblich regimefeindlichen Handlungen und Verbündete geben. Während ihres Aufenthaltes musste jede Insassin und jeder Insasse eine detaillierte Autobiografie darlegen, beginnend mit der Kindheit bis zum Zeitpunkt der Einlieferung. Darüber hinaus mussten alle Gefangenen ihren Besitz und ihre Kleidung abgeben. Danach wurden sie in die Zellen gebracht und entweder alleine auf den Boden oder aber in größeren Gruppen mit den Füßen aneinandergefesselt. Sie wurden gezwungen, Kopf an Fuß zu schlafen, um ihnen die Kommunikation miteinander zu erschweren. Gespräche waren verboten.

Gefangene schliefen auf dem steinernen Boden ohne Mückennetz, Matten oder Decken. Jedes Fehlverhalten der Häftlinge wurde von den Wärtern schwer bestraft, die Vergehen mit Prügel und Elektroschocks ahndeten. Es war den Gefangenen verboten, vor Schmerzen zu schreien. Jede Handlung der Gefangenen, beispielsweise sich aufzurichten oder die Erledigung körperlicher Bedürfnisse, erforderte die Erlaubnis der Wärter. Dies hatte schwere hygienische Missstände zur Folge, die Läuse- und Krankheitsepidemien unter den Häftlingen auslösten.

Jeden Morgen um 4.30 Uhr mussten sich alle Gefangenen zur Inspektion ausziehen. Die Wärter untersuchten, ob die Fesseln sich gelöst hatten oder ob die Insassen Gegenstände an ihrem Körper und in ihren Zellen versteckt hatten, um Selbstmord zu begehen. Da mehrere Gefangene über die Jahre Selbstmord begehen konnten, wurden die Inspektionen sorgfältig durchgeführt.

Die meisten Gefangenen wurden des Verrates an der Partei der Roten Khmer oder der kommunistischen Revolution beschuldigt sowie der Zugehörigkeit zu einer konterrevolutionären Gruppe bezichtigt, deren Mitglieder bereits mehrheitlich im Gefängnis saßen. Mit fortschreitender Zeit wurden die Führer der Roten Khmer immer misstrauischer auch ihren eigenen GenossInnen und SoldatInnen gegenüber. So wurden auch Angehörige des S-21-Personals inhaftiert. Ehemalige Wärter „gestanden“, nachlässig mit dem Ausfüllen der Dokumente oder beim Umgang mit den Maschinen gewesen zu sein. Oder sie „gaben zu“, beim Schlagen der Gefangenen zu heftig gewesen zu sein und somit den zu frühen Tod der Gefangen bewirkt zu haben.

Die Verhöre in S-21 wurden dazu benutzt, die schon bereits vorher feststehenden Anklagen durch das unterschriebene Geständnis der Insassen zu bestätigen. Oftmals waren sich die Gefangenen bei ihrer Festnahme nicht einmal ihrer Vergehen bewusst beziehungsweise hatten keine begangen. Diese nicht begangenen Verbrechen mussten sie dann, um wiederholter Folter zu entgehen, gestehen und niederschreiben. Zu den gebräuchlichsten Foltermethoden gehörten Elektroschocks, das Untertauchen in Wasser und das Herunterlassen der gefesselten Häftlinge in große Wassertröge, bis diese fast keine Luft mehr bekamen und ohnmächtig wurden.

Nachdem die Gefangenen zum Geständnis gezwungen und gefoltert worden waren, wurden sie zur Hinrichtung gebracht. Diese fanden zunächst in der Nähe statt, später in „Choeung Ek“, einem der „Killing Fields“ ca. 15 km von Tuol Sleng entfernt. Dort mussten die Häftlinge oftmals ihr eigenes Grab ausheben und wurden dann mit einfachsten Werkzeugen wie Schaufeln oder Hacken brutal ermordet.

Am Ende der Herrschaft der Roten Khmer, bei Ankunft der Befreiungsarmee in der Stadt wurden nur 4 Kinder und 8 erwachsene Überlebende in S-21 vorgefunden. Nur 4 dieser 12 ZeitzeugInnen waren im Jahr 2016 noch am Leben: Chum Mey, Bou Meng sowie Norng Chanphal und sein Bruder Norng Chanly, die beide als Kinder das Gefängnis überlebten. Zwei weitere Kinder haben ebenfalls überlebt, doch ihre Namen und ihr Aufenthaltsort sind nicht bekannt, da sie in ein Waisenhaus gebracht worden waren.

Kaing Guek Eav (Duch), der ehemalige Gefängnisdirektor von S-21, wurde durch das ECCC (Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia) im Jahr 2010 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und wegen Kriegsverbrechen angeklagt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Weitere Verfahren gegen ehemalige Parteiführer sind vor dem Gericht des ECCC anhängig (Stand April 2017).

Weitere Informationen zur Arbeit des ECCC finden Sie unter:
http://ecccc.gov.kh/de

S-21 wird zur Gedenkstätte

Das Gefängnis S-21 wurde bereits 1979, im Jahr der Befreiung Kambodschas von den Roten Khmer zur musealen Gedenkstätte umgestaltet. Das Museum bewahrt das Gedenken an die Opfer von S-21.

Bevor Phnom Penh eingenommen wurde, gelang dem Gefängnisdirektor Duch die Flucht.
Vor seiner Flucht befahl er noch die Liquidierung der verbliebenen Gefangenen. Die verbliebene Belegschaft fand nicht mehr genügend Zeit, um alle Unterlagen zu vernichten, der heute die begangenen Gräueltaten dokumentieren.

Die Gemälde eines der wenigen Überlebenden, Vann Nath (1946-2011), werden im Museum ausgestellt. Sie führen eindringlich die Folterungen und Bedingungen vor Augen, die das Leben in S-21 täglich bestimmten. Darüber hinaus befinden sich tausende der Fotografien im Archiv des Tuol Sleng Genocide Museums, die von den Gefangenen bei der Einlieferung aufgenommen wurden. Diese ausgestellten Aufnahmen dienen noch heute Angehörigen zur Identifizierung von Familienmitgliedern und FreundInnen. Die im Jahr 2002 ausgestellte Karte Kambodschas aus den Schädeln der in S-21 aufgefundenen Leichen der Opfer wurde inzwischen aufgelöst, und die Schädel teilweise zeremoniell begraben bzw. hinter Glas als forensischer Beweis im Museum ausgestellt.

Museumsgebäude

Die vier Gebäude und die beiden Innenhöfe der früheren Tuol Svay Prey Grundschule und der Ponhea Yat High School wurden für das S-21-Gefängnis umgestaltet. Die Klassenräume wurden zu Zellen und Folterkammern umgebaut. Das gesamte Areal war von Hochspannungs-Stacheldraht umgeben ebenso wie die Gebäude. Dies sollte die Häftlinge an der Flucht aus S-21 oder an einem Sprung in den Freitod hindern.

Block A: Größtenteils wurden hier hochrangige Gefangene untergebracht, die in größeren Einzelzellen an ihr Bett gefesselt wurden.

Block B: In diesem Gebäude wurden die Zellenwände im Erdgeschoss für die Präsentation der Exponate entfernt. Hier werden derzeit die Fotografien der in S-21 eingelieferten Menschen ausgestellt, die fast alle später durch Folter oder Ermordung ihr Leben verloren. Viele Gesichter sehen ausgezehrt aus und zeigen Spuren von Verletzungen.

Block C: Viele Familienmitglieder wurden in Block C gefangen gehalten. Die gemauerten oder mit Holzwänden errichteten Zellen hatten einen durchschnittlichen Grundriß von 0,8 x 2,0 m. Aufgrund der Überfüllung der Räume und den unhygienischen Zuständen der Toilettenräume wird davon ausgegangen, dass viele Gefangene auch an Seuchen gestorben sind. Einige Zellenwände sind seit Errichtung des Museums im Jahr 1979 verändert worden.

Block D: Hier wurden im Erdgeschoss ebenfalls die Zellen für eine größere Ausstellungsfläche entfernt. Historische Folterinstrumente und Darstellungen ihrer Anwendung sind in diesem Gebäudeteil ausgestellt. Die Gefangenen, die die Folter und Bedingungen in S-21 überlebt hatten, wurden zunächst in der Nähe, später in Choeung Ek, einem „Killing Field“ außerhalb der Stadt umgebracht. Im S-21 wurden Foltermethoden wie Elektroschock und Fast-Ertränken angewandt. Die Folterungen wurden solange durchgeführt, bis das Verhörpersonal zufrieden war mit dem erzwungenen Geständnis.

In der Nähe des Eingangsbereiches befinden sich 14 Gräber. Diese stehen symbolisch für die 14 von den einmarschierenden vietnamesischen Soldaten aufgefunden Leichen in S-21. Neben den 14 weißen Gräbern befinden sich drei Wassertröge, die zur Folterung eingesetzt wurden. Die sich darüber befindliche, von zwei Holzpfosten getragene Stange wurde zum Herablassen der Gefangenen in die Wassertröge verwendet, bis diese das Bewusstsein verloren. Das Holzgestell stammt noch aus der Zeit, in der Tuol Sleng eine Schule war.
Der ehemalige Hof des Gefängnisses wurde mit Bäumen bepflanzt und schattige Plätze geschaffen, die fröhlichere Zeiten in Erinnerung rufen sollen, als dieses Gelände ein Schulhof für Schülerinnen und Schüler war.